Pshaveli – Omalo: Abano Passtraße mehr als nur ein Weg.

For the english version please klick here.

Vor zwei Jahren haben Karin und ich Georgien mit unseren BMW Motorrädern besucht. 2016 kehrten wir für eine Rundfahrt mit Dnepr Motorrad Gespannen wieder zurück. Begleitet und geführt hat uns damals Sandro. Bis zu unserer hier beschriebenen Reise bot Sandro Touren auf Dnepr Motorrad Gespannen in Georgien an. Auf unseren beiden Reisen nach Georgien haben wir viel von Georgien gesehen und uns wahrscheinlich auch ein wenig in das Land und seine Menschen verliebt. Eine Region blieb uns aus verschiedenen Gründen verschlossen: Tushetien, im Kaukasus im äußersten Nordosten von Georgien gelegen mit dem „Hauptort“ Omalo ist nur knapp vier Monaten im Jahr auf dem Landweg zu erreichen. Der „Weg“ die Abano Paßstraße gilt als gefährlichste Straße Georgiens und ist auch in den Listen der gefährlichsten Straßen der Welt verzeichnet. Wir haben viel über Tushetien gelesen und glaubten das wir diese Region unbedingt kennen lernen wollen. Als Sandro uns im Dezember eine E-Mail schickte das er 2017 die Tour durchführen würde weil er noch jemanden gefunden hätte dem er es zutraut die Straße zu schaffen haben wir nicht lange überlegt und zugesagt.

Per E-Mail am Wohnzimmertisch zusagen ist eine Sache. Heute morgen (07.08.17) sitzen Karin, Markus, Sandro und ich am Frühstückstisch in Telavi (Fehler Nummer 1).Im Innenhof stehen zwei Dnepr Gespanne (Bj 87 und 90) und eine nicht viel jüngere Tenere die Sandro fahren wird. Wir starten gegen 10.00 Uhr (Fehler Nummer 2) und kaufen auf dem Markt in Telavi, Lebensmittel und literweise Wasser. Sandro wollte ursprünglich noch einige Reserverkanister mit Benzin erwerben, entschied sich dann aber doch dagegen. In Omalo gibt es Benzin – aus Kanistern.

Die ersten knapp 20 Kilometer bis Pshaveli legen wir auf normaler Landstraße schnell zurück. In Pshaveli folgen wir dem Hinweisschild Omalo 70km, allerdings ist verfahren schwierig, es gibt nur einen Weg nach oben.

Die Paßstraße beginnt harmlos. Wenig Asphalt, viel Schotter und ein Bach dem die Straße folgt. Das soll gefährlich sein, auch nicht anders als in Westeuropa (Fehler Nummer 3). Sandro justiert die Gespanne auf die zu erwartende Höhenluft und wir jagen weiter. Bald hat das „Jagen“ eine Ende, gegen 11.30 brauchen die Motoren eine Abkühlung – Overheated diagnostiziert Sandro.

Alle stolz überholten LKWs sind wieder vor uns. Dafür treffen wir auf Roman und Tomas (aus Tschechien), auf ihren zwei 125er sind sie unterwegs in die Mongolei. Sie haben von Omalo gehört und kurzfristig entschieden die Strecke zu wagen – als Übung?!.

Ob wir gemeinsam weiterfahren wollen? Klar fahren wir zusammen (Richtige Entscheidung Nummer 1) können wir uns doch gegenseitig nur helfen, weder die 125er mit ihren rund 10PS, noch unsere Dnepr mit theoretisch 30PS sind hier übermotorisiert.

Die Straße reduziert sich auf eine Spur, meist knapp breit genug für die allgegenwärtigen Kamas LKW. Schieferplatten, Geröll und immer wieder Wasser reduzieren unsere Geschwindigkeit zusätzlich. Wir entscheiden das es besser ist alle rund 5km zu stoppen und den Motorrädern und uns eine Pause zu gönnen. (Richtige Entscheidung Nummer 2).

Wir sind jetzt auf rund 1500hm und haben damit gut die Hälfte bis zur Paßhöhe geschafft. Außer der Landschaft ändert sich nun ebenso die Streckenführung. Wenn ich Zeit hätte die Landschaft zu geniessen, wäre es atemberaubend wie sich die Berge um uns aufbauen, aber als Fahrer sollte ich mich besser auf den Straßenzustand konzentrieren. Die Serpentinen sind steil, so steil das unsere Fahrzeuge entweder Schwung brauchen oder geschoben werden müssen.

Mehr als einmal bleibe ich mitten in der Serpentine hängen, sei es weil Schwung holen nicht möglich ist oder irgendetwas mitten in der Kurve rumsteht und zum Anhalten zwingt. Die Trommelbremsen der Dnepr sind nicht in der Lage das Gespann am Berg zu halten und an den steilsten Stellen stoppt auch ein engelegter Gang nur wenig. Rückwärtsrollen führt im schlimmsten Fall zu einer Abkürzung des Rückweges, als letzte Möglichkeit darf daher gerne einmal der Berg oder Sandro mit der Tenere als Rettungsanker herhalten. Aus einem gewissen Eigennutz heraus sagt Karin mir nun die Serpentinen an (ich bin sehr sicher sie könnte jetzt als Beifahrer für Walter Röhrl arbeiten :-)) und steigt vor den steilsten Kurven aus dem Seitenwagen aus. (richtige Entscheidung Nummer 3).

Unmittelbar hinter einer 90 Grad Kehre können wir erstmals einen Blick auf die Paßhöhe werfen. Kann nicht mehr weit sein meldet der Bauch. Unsere Freude währt nur kurz, das unbestechliche Garmin vermeldet das uns noch rund 600hm, 5km und 7 Serpentinen bis zur Passhöhe fehlen.

 

Gegen 16.00 Uhr sind wir dann auf der Paßhöhe und parken die Motorräder auf 2.858m (laut Navi). Wir sind nicht die einzigen hier oben, neben vielen Georgiern treffen wir auch Birol mit seinem Sohn wieder.

Birol der aus Ankara angereist ist, sind wir gestern schon in Telavi begegnet. Er hat es bis hierhin mit seinem Sohn als Sozius auf der Guzzi geschafft. Da er mehrfach gestürzt ist und dabei einiges an Benzin verloren hat, fragt er ob wir ihm im Zweifelsfall helfen würden. So wechseln ein paar Kilometer später einige Liter Benzin vom Dnepr- in den Guzzitank. Hochachtung Birol – tolle Leistung. Für digital Natives und natürlich alle anderen haben die Georgier auf der Paßhöhe „Free Wifi“ installiert. Somit können die Tschechen nach Hause telefonieren und der eine oder andere ein kurzes Selfie für seine Freunde posten.

 

Omalo ist noch 26km entfernt und liegt auf 1900hm, deswegen vermuten wir das es ab nun bergab geht (Fehler Nummer 4). Stimmt auch, es geht bergab, in Serpentinen mit mehr als 20% Gefälle verlieren wir Höhenmeter um Höhenmeter bis wir uns auf rund 1600hm auf einen idyllischen Schotterweg entlang eines Baches wiederfinden.

Wir atmen auf und glauben das schlimmste hinter uns zu haben. Etwas irritiert sind wir von den Schildern am Straßenrand: „Steinschlag“, „absolutes Halterverbot auf 600m“ und „kurvige Strecke auf 3000m“. Die Bedeutung des letzten Schildes verstehen wir sehr schnell. Wir müssen die verlorenen Höhenmeter nach Omalo wieder gutmachen, natürlich wieder mit Serpentinen und 90 Grad Kurven.

Statt 20% Steigung haben die georgischen Straßenbauer die Serpentinen hier als Sandstrecke ausgebaut. Das Ergebniss ist ähnlich, nur mit Schwung schaffen wir die Steigungen, allerdings braucht Karin hier nicht mehr aussteigen aufgrund der geringeren Höhe schaffen es die Gespanne wieder ohne externe Unterstützung. Auch die 125er der beiden Tschechen atmen wieder auf. Markus Dnepr meint allerdings nochmal eine Pause zum abkühlen zu benötigen.

So können wir ihm von oben zuschauen wie er gefolgt von Roman die letzten Serpentinen meistert. Nach fast 10 Stunden erreichen wir unser Guesthouse in Lower Omalo. Wir sind ein wenig stolz, sind wir doch nach allen uns vorliegenden Informationen die ersten westlichen Motorradfahrer die auf Dnepr mit Seitenwagen den kompletten Weg bis nach Omalo geschafft haben. Also gleich mehrere Gründe zu feiern und so geniessen wir gemeinsam mit unseren  Freunden und gegenseitigen Helfern das Abendessen. Das dabei ausgiebig die Vor- und Nachteile von Slivovitz und Tschacha diskutiert und praktisch verglichen werden müssen stärkt nur das gemeinsam erlebte.

 

Was wir in Omalo und der übrigen Woche in Georgien erlebt haben, wie und wann wir es wieder zurück nach Kachetien geschafft haben, warum wir nochmal wieder kommen müssen und wieso Sandro keine Touren mehr auf Dnepr anbietet könnt ihr in der nächsten Zeit in unseren Blogs nachlesen. Am einfachsten indem ihr auf den „Follower Link“ am Ende der Seite klickt.

Wer im Web sucht findet hauptsächlich Berichte die sich auf die Gefahren des Abano Passes konzentrieren. Dies ist aber nur die eine Seite, die offensichtliche. Seit Jahrhunderten führen Saumpfade von Kachetien nach Tuschetien, Saumpfade die auch heute noch zu sehen sind und genutzt werden. Mit Pferd dauert es mehrere Tage nach Omalo, die Schaf- und Kuhhirten treiben noch heute die Tiere von der Sommer- auf die Winterweide. Wer den Pass nutzt fährt aber auch in eine etwas andere Welt. Mittlerweile gibt es Strom, Telefon und Internet in Omalo, aber noch nutzen die Tuschen es nicht so wie es im Tal genutzt wird. Der Nationalpark ist eine Naturlandschaft wie ich sie bisher selten gesehen habe, in einem anderen Blog habe ich gelesen das Omalo als einer der friedlichsten Orte der Welt empfunden wurde. Dies kann ich unterstreichen.  Tuschetien zu erleben war jeden Meter Anstrengung wert.

Detailinfos zum Abano Pass:

Länge 70km, maximale Höhe 2830m (laut Navi), zumeist einspurig, mit Steigungen von 20% und teilweise mehr. Geröll, Schiefer und Wasser definieren die Straße und ihren exakten Verlauf. Straßenzustand und -verlauf können sich über Nacht aufgrund von Regen und Lawinen ändern. Wer georgisch spricht kann sich vorab bei den Lastwagenfahrern und den Straßenbauern über den aktuellen Zustand informieren.

Die Paßstraße ist meistens von Juni bis Anfang Oktober offen. Allerdings muss im Juni und September / Oktober mit Schnee gerechnet werden. Ausgenommen auf der Paßhöhe gibt es weder Internet noch Telefonverbindung. Eine funktionierende Rettungskette ist Glücksache und wenn ihr Glück habt eine Zeitfrage. In Omalo und Pshaveli sind Rettungswagen stationiert.

Wer nicht selber fahren will, aus welchen Gründen auch immer, kann in Telavi / Pshaveli einen Jeep mit Fahrer mieten. Stand August 2017 berechneten die Fahrer für Hin- und Rückweg 200 Lari. Ein wirklich angemessener Preis. Wer die Strasse und die Landschaft wirklich geniessen und erleben will sollte darüber nachdenken diese Möglichkeit zu nutzen.

Die LKW Fahrer, die die Strecke regelmäßig, teilweise auch täglich fahren brauchen für die Strecke rund 5-6 Stunden. Die Jeeps sind etwas schneller. Es gibt keinen festen Zeitplan, die Trucks und Jeeps fahren wenn die Strecke machbar ist, im schlimmsten Fall kann es vorkommen das ein oder zwei Tage kein Verkehr möglich ist. Wir haben auch von Besuchern gehört die zu spät im Jahr hochgefahren sind und dann aufgrund eines Wetterumschwungs nicht mehr zurück fahren konnten, acht Monate in Omalo im Winter sind sicher eine eindrucksvolle Erfahrung die ich aber nicht unbedingt teilen möchte. Deswegen: Ich würde die Route nicht später als Anfang September planen, dann bleibt genügend Zeit um zurück ins Tal zu kommen.

Ein kleines Video der BBC findet Ihr hier (Englisch): Abano Pass BBC Video. Schöner und informativer ist das Video eines Teams aus Tschechien (in Czech): Abano Pass Video eines Teams aus CZ

Die Georgische Regierung plant bis 2019/2020 eine neue Straße nach Omalo zu bauen, die dann sicherer und eventuell ganzjährig befahrbar sein soll. Mal sehen ob es so kommen wird.

Respektieren:

Es gibt in Omalo Wifi und Strom, aber nur wenn die Sonne scheint, die Batterien geladen sind oder die Generatoren laufen. Fliessendes Wasser haben nur wenige Häuser. Jede Tomate, jede Kartoffel, jeder Liter Benzin oder Diesel muss aus Kachetien heraufgebracht werden. Denkt daran wenn ihr dort seid.

Die Tuschen haben eine eigene Religion, eigene Sitten und Gebräuche mit denen sie seit Jahrhunderten hier oben leben. Es zeugt von Achtung vor Euren Gastgebern wenn Ihr dieses bei Eurem Besuch respektiert auch wenn nicht alles gleich verständlich ist. Ein Teil der Tuschen lebt immer noch das ganze Jahr in Omalo, nicht nur vier Monate im Jahr wenn es oft warm und trocken ist.

Interessiert an einer Reise nach Omalo, dann sucht im Internet nach „Georgia about“ oder „Georgia insight“.

 

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3 Gedanken zu “Pshaveli – Omalo: Abano Passtraße mehr als nur ein Weg.”

  1. Schöner Bericht – schade, nach Omalo habe ich es nie geschafft, dabei hat mich der Pass schon immer gereizt. Vielleicht werde ich in Zukunft mal mit dem Auto hinfahren, nachdem ich das Motorrad- und Gespannfahren so ziemlich komplett aufgegegeben habe.

    • – Mit Auto ist es aus fototechnischer Sicht fast besser. Aber laß Dich fahren, sonst hast Du eher keine Zeit die Landschaft zu geniessen.

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